Übersetzungsunternehmen Kocarek GmbH
Blog
Home » Blog

Die Integration der Flüchtlingskinder beginnt in der Schule

Es scheint gut zu laufen in Deutschland, zumindest in der Schule. Die Flüchtlingskinder unterliegen grundsätzlich alle der Schulpflicht, und in diesem Rahmen sind sie an den deutschen Schulen angekommen. Ein bis zwei Jahre verbringen die geflüchteten Kinder in Willkommensklassen, mancherorts auch als Förderklassen oder Vorbereitungsklassen bezeichnet. Dort können sich die Kinder erst einmal darauf konzentrieren, die deutsche Sprache zu erlernen. Denn das ist eine Voraussetzung, damit sie am normalen Schulunterricht in den Regelklassen teilnehmen können.

Integration, Flüchtlinge, Schule

Angst und Stress behindern das Lernen und die Integration

Diese Vorbereitungsklassen erfüllen aber noch einen weiteren Zweck: Die Flüchtlingskinder haben eine harte Zeit hinter sich, konnten oft nicht lange an einem Ort bleiben und bringen Traumata aus ihrer Heimat mit. Sie haben vielleicht zusehen müssen, wie nahe Verwandte unter Gewalteinwirkung starben, haben Familienmitglieder und Freunde verloren. Sie müssen erst ein Gefühl dafür entwickeln, dass sie in Sicherheit sind. Denn erst dann, wenn etwas Ruhe einkehrt, der Stress der Flucht abfällt, ist Lernen und Integration möglich. Die Vorbereitungsklassen halten die Flüchtlingskinder zwar einerseits von ihren deutschen Klassenkameraden und Klassenkameradinnen fern, andererseits bieten sie Raum, das Erlebte langsam abklingen zulassen. Ganz konkret: Unter Stress schüttet der Körper Hormone aus, die zwar wach und reaktionsfähig halten, den langfristigen Lernprozess aber behindern.

Schwieriger Lernstand bei geflüchteten Kindern

Man hört zwar immer wieder, dass das Niveau innerhalb deutscher Schulklassen extrem variiert. Aber im Vergleich zu dem, was Flüchtlingskinder an Vorbildung und Wissen mitbringen, sind deutsche Schulklassen doch recht homogen. Damit die Integration der gerade erst angekommenen Kinder gelingen kann, muss oft auch Fachwissen vermittelt werden. Die Kinder mögen vom Alter her, sofern sich das überhaupt ermitteln lässt, einer bestimmten Jahrgangsstufe zugeteilt werden – wenn sie vorher nie eine Schule besucht haben, können sie dem Stoff dieser Klasse trotzdem nicht folgen. Sie müssen fachlich auf einen altersgerechten Stand gebracht werden, und das in relativ kurzer Zeit.

Die Kinder kommen nicht nur aus einer ganz anderen Lebensrealität. Sie sind oft auch nicht oder nur zeitweise zur Schule gegangen, haben lückenhaftes Wissen, und das unter Umständen auch noch auf mehrere Sprachen verteilt. Denn natürlich kommt kein Flüchtlingskind auf direktem Weg aus der iranischen, syrischen oder pakistanischen Schule direkt nach Deutschland. Die Kinder haben teilweise für mehrere Jahre in Lagern gelebt, mussten notgedrungen Türkisch, Italienisch oder Griechisch lernen und haben sich auch in diesen Sprachen Wissen angeeignet.

Damit sie dieses Wissen nutzen können, müssen sie erst einmal in der Lage sein, entspannt zwischen den Sprachen zu wechseln. Der Zugriff auf das Fachwissen muss sprachlich ermöglicht werden. Wenn beispielsweise die Strichrechenarten noch im Heimatland und in der Muttersprache gelernt wurden, die Multiplikation in der Türkei erarbeitet wurde (auf Türkisch) und jetzt in Deutschland mit der Division in Mathe angeschlossen werden soll, können sich die vielen Sprachen insofern negativ auswirken als dass die Kinder nicht benennen können, was sie rechnen, wie sie es rechnen und warum sie es so und nicht anders tun. Und auch da sind die Willkommensklassen recht hilfreich, denn hier wird nicht nur Deutsch gesprochen. Die Klassen sind international, so dass die Kinder unter Umständen sogar mehrere gemeinsame Sprachen auf unterschiedlichem Niveau zur Verfügung haben. Es ist nun an den Lehrkräften, den Kindern gemeinsames Lernen in den verfügbaren Sprachen zu ermöglichen.

Integration und Inklusion – hohe Anforderungen an die Lehrkräfte

Flüchtlingskinder sind letzten Endes genauso heterogen in ihrem Entwicklungsstand, genauso individuell, verschieden und mit unterschiedlichen Begabungen gesegnet wie alle anderen Kinder auch. Warum ein Kind nicht so gut lernt, wie es eigentlich zu erwarten wäre, woher die Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme oder andere Herausforderungen kommen, ist oft gar nicht klar. Ist das Kind vielleicht traumatisiert? Ist die Belastung in der Schule zu groß? Oder liegt vielleicht eine Lernschwierigkeit vor, die Intervention erfordert? Noch sind die Lehrkräfte in Deutschland eher unzureichend ausgebildet, was das Erkennen von Lernschwierigkeiten und die Begleitung von Inklusionskindern angeht. Im Fall von geflüchteten Kindern kommen zur geforderten Integration unter Umständen noch andere Schwierigkeiten hinzu. Den Kindern – und nicht nur den geflüchteten Kindern – wäre mit einer umfassenderen Ausbildung der Lehrkräfte geholfen.

Es sind letzten Endes doch nur Kinder

Die Erwartungen an die Kinder sind natürlich groß: Sie sollen lernen, sich integrieren, sollen heilen und ankommen, angstfrei leben und in ihrem neuen Umfeld aufgehen. Lehrkräfte stellen diese Anforderungen genauso wie Eltern, Geschwister und vielleicht auch die Klassenkameraden. Was oft fehlt, ist Geduld. Diese Kinder müssen erst einmal verstehen, wie Schule in Deutschland überhaupt funktioniert. Und damit ist nicht das Schulsystem gemeint. Dabei geht es um so banale Dinge wie von der Schule gestellte Bücher, die man nicht selbst kaufen muss. Pünktlichkeit, Hausaufgaben und ein gewisses Maß an Elternmitarbeit dürfen nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Dazu kommt, dass Kinder eben Kinder sind. Sie entwickeln sich. Aber sie brauchen Zeit dafür.

Integration ist keine Einbahnstraße

Damit sich Kinder in eine bestehende Gesellschaft integrieren können, muss diese Gesellschaft auch bereit sein, die Kinder auf- und anzunehmen. Und zwar so, wie sie sind. Dazu gehört, dass auch schreckliche Erlebnisse im Klassenzimmer hin und wieder thematisiert werden – von allen. Dazu gehört, dass mehrere Sprachen erlaubt und sogar erwünscht sind. Denn nur, wer eine Muttersprache gut beherrscht, ist auch in der Lage, eine Zweit-, Dritt- oder weitere Sprache auf hohem Niveau zu erlernen. Die Forderung nach separaten Flüchtlingsklassen an deutschen Schulen wird aus diesem Gedanken heraus verständlich. Um die Kinder optimal zu fordern und zu fördern, ist Unterricht in ihrer Muttersprache eigentlich nötig. Die Kinder würden für eine optimale Entwicklung natürlich auch von psychologischer Betreuung profitieren. An Regelschulen und in Regelklassen ist das aber nicht zu leisten. Aber ist das wirklich gewünscht, oder fängt hier schon Diskriminierung an?

Mit Bildung gelingt die Integration

Das klingt in diesem Zusammenhang recht hart, ist aber ein Erfahrungswert: Flüchtlingskinder, die über einen längeren Zeitraum zuverlässig am Regelunterricht teilnehmen, sind motiviert und intergrieren sich leichter. Sie erlernen die neue Sprache, brechen die Schule nicht ab, sondern machen eine Ausbildung. Sie knüpfen Freundschaften und passen sich an. Das alles geht weit über eine bloße Erfüllung der Schulpflicht hinaus. Es scheint also, dass außer einem freundlichen und hilfsbereiten Umfeld vielleicht doch nicht so viel nötig ist.

Verwendete Quellen:
http://www.deutschlandfunk.de/fluechtlingskinder-integration-im-klassenzimmer.724.de.html?dram:article_id=331162
http://www.uni-potsdam.de/fileadmin01/projects/inklusion/PDFs/ZEIF-Blog/Juang_Vietze_Schachner_2015_Fluechtlingskinder.pdf
http://www.news4teachers.de/2017/01/bestuerzende-studie-willkommensklassen-fuer-fluechtlingskinder-bereiten-eine-menge-probleme-lehrkraefte-muessen-sich-durchwursteln/
https://www.agbfn.de/dokumente/pdf/AGBFN_Zugang_Zuwandernde_Präsentation_Heinrichs_et_al.pdf
https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2016/unicef-bericht-fluechtlingskinder-deutschland/115146
https://www.tu-chemnitz.de/hsw/psychologie/professuren/allpsy2/files/dipldiss/161110_Mina%20Schaefer.pdf
https://hessischer-landtag.de/sites/default/files/scald/files/stn._gew_hessen.pdf

06.06.2017

 

Kocarek GmbH | Kronprinzenstraße 5-7 | 45128 Essen | Tel.: +49 201 24 69 90-0 | Fax: +49 201 24 69 90-10 | info@kocarek-gmbh.com

Kocarek-Blog

Herzlich Willkommen auf unserem Kocarek-Blog!


Lesen Sie, was Sie bei einem Übersetzunsgauftrag beachten sollten, wie viel Technik mittlerweile im Übersetzen steckt und wie vielseitig diese Branche heutzutage ist. Nichts wie los – es gibt viel zu erfahren!

Ihr Kocarek-Team

Autoren

Unsere Autoren sind für Sie immer auf der Suche nach dem richtigen Thema und wollen Ihnen neben Neuigkeiten auch echtes Wissen vermitteln. Unsere Autoren, das sind unsere Online Redakteurin, unsere Übersetzer und unsere Projektmanager. Alle wollen ihr Know-how weitergeben, um Ihnen einen Einblick in die Welt des Übersetzens zu geben. Dabei hat jeder einen anderen Blick auf die einzelnen Vorgänge. Diese Fragen aus dem Berufsalltag versuchen sie hier in diesem Blog zu beantworten.

Hier geht es zu unseren Autoren.