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In Sprache baden statt nur Sprache lernen – Am besten "live dabei"

Welche Wortart sollte bei Kindern in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) zuerst eingeführt werden, Nomen oder Verben? Vielleicht die Adjektive vor den Zeitangaben? Lieber erst Perfektbildung oder erst Präteritum? Brauchen sie bei Schuleintritt erst körperbezogenes Vokabular, oder sollten sie besser die Anweisungen der Lehrkräfte verstehen und umsetzen lernen?

Sprache lernen und Kopf über Wasser halten

Daseinsberechtigung der Lehrbuchverlage

Man könnte boshaft sagen, dass Kinder ohnehin eher in ungesteuerten Situationen Sprache erwerben als in gesteuerten Situationen Sprache lernen. Man könnte die ewig neu konzipierten und aufgelegten Lehr- und Lernwerke als Daseinsberechtigung der einschlägigen Verlage und konzipierenden Pädagogen sehen. Und man würde damit zu kurz greifen.

Denn tatsächlich zeigen die Bemühungen um einen möglichst perfekten Aufbau von Lehrwerken und Unterricht, wie sehr man um die Optimierung der Lehr- und Lernprozesse bemüht ist. Das Vermögen und die Motivation der jungen Schüler stehen im Mittelpunkt. Es zeigt sich aber auch, wie wenig die gesamte Sprachlehrindustrie die natürlichen Lernprozesse in ihren Werken berücksichtigt.

Wie lernen Kinder eigentlich ihre Muttersprache?

Es scheint sicher, dass sich Kinder im natürlichen Sprachlernprozess wenig um Progression oder aufeinander aufbauende grammatische Lektionen scheren. Ihnen geht es darum, sich mitzuteilen und zu verstehen. Und das auf einer Ebene, die mit Sprache an sich wenig zu tun hat: Die alltäglichen wie auch besonderen Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Von dem Wunsch, die Toilette aufzusuchen, über Hunger und Langeweile bis hin zu einem "Das ist meins!" ist alles dabei. Auch der Wunsch, dazu zu gehören. Braucht es da das Perfekt oder das Präteritum? Ketzerische Frage, natürlich.

Kinder erlernen Sprache durch Erleben und sukzessives Nachahmen. Sie beginnen schon vor der Geburt, sich Intonation und Sprachmelodie anzueignen. Bis sie die ersten Vokabeln passiv beherrschen, werden sie gut sechs Monate alt. Das ist die Zeit, in der sie beginnen, sich über Gesten auszudrücken. Der Trend der sogenannten Babyzeichen, eine Art vereinfachte Gebärdensprache, setzt genau da an. Der Sprechapparat ist noch zu komplex und kann nicht bedient werden, die Hände sind dagegen langsam unter Kontrolle. Also wird gezeigt, was das Zeug hält – solange die Bezugspersonen mitmachen. Es braucht also grob neun Monate Schwangerschaft und sechs Monate Lebenszeit, um sich einen alltagsbezogenen passiven Wortschatz aufzubauen. 15 Monate, insgesamt. Und der Wortschatz besteht tatsächlich aus Verben, Nomen, Adjektiven und Ortsangaben. Alles gleichzeitig. Die zeitliche Komponente spielt noch keine Rolle, denn das abstrakte Zeitkonzept, das hinter den einzelnen Tempi der Sprache steckt, können die Kinder noch nicht leisten.

Die ersten gesprochenen Worte werden oft mehr oder weniger zufällig beim Ausprobieren des Sprechapparats im Alter von 12 bis 18 Monaten erzeugt. Das typische Lallen wird zu "Papa", "Mama", "Dada" und ähnlichen wortartigen Konstruktionen umgedeutet. Langsam werden richtige Wörter daraus, im Alter von zwei Jahren vielleicht auch schon verständliche Wörter. Zweiwort- und Dreiwortsätze spielen bis ins Alter von dreieinhalb Jahren eine große Rolle. Und dann wird es langsam komplexer. Also grob dreieinhalb Jahre dauert es, bis ein Kind, das nichts anderes als Lernen und Entdecken zu tun hat, sich eine Sprache soweit aneignet, dass es sich artikulieren kann. Komplexe Grammatik wird selbst dann noch nicht eingesetzt.

Was bedeutet das für den Unterricht?

Für den Unterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ) oder Fremdsprache (DaF) bedeutet das, dass es so etwas wie eine natürliche Progression gar nicht gibt. Die Kinder lernen im Kontakt mit der Sprache und aus dem Handeln heraus alles gleichzeitig, und selbstverständlich lernen sie dabei sogar schneller als Babys. Denn Schulkinder sind bereits ans Lernen gewöhnt. Sie können kategorisieren, sprachliche Äußerungen in kleinere Bedeutungseinheiten (Redefluss in Sätze, Sätze in Satzteile, Satzteile in Wörter, Wörter in Silben und Silben in Laute) aufbrechen und sich so sehr viel schneller erschließen.

Für den Anfang benötigen diese Kinder gar keine Erklärungen oder grammatische Konzepte, sie lernen aus der Anwendung heraus. Und sie lernen sehr viel schneller, tiefer und mit mehr Spaß, wenn die Muttersprache einbezogen wird. Für den Unterricht bedeutet das, dass die Muttersprache genutzt werden muss. Es müssen Vergleiche angestellt werden, sowohl auf der Bedeutungsebene als auch hinsichtlich der Grammatik. Gezieltes mehrsprachiges Lernen hilft, die vorhandenen Strukturen zur Sprachverarbeitung im Gehirn zu nutzen und mit der neuen Sprache Deutsch zu verknüpfen. Um- und Ausbau vorhandener Infrastruktur anstelle eines kompletten Neubaus, um es aus der Neurobiologie heraus auf eine andere Ebene zu übertragen. Das ist ressourceneffizient.

Ein Plädoyer für Spiel, Spaß und Immersion

Ist es für Grundschüler wichtig, dass sie die deutsche Sprache in allen grammatischen Regeln erklären können? Wohl kaum. Muttersprachler sind dazu meist auch nicht in der Lage. Es macht also wenig Sinn, die Kinder mit gezieltem Grammatiktraining, Wiederholungsübungen und den respektiven Arbeitsblättern Sprache lernen zu lassen. Sinnvoller scheint es, die Kinder spielen zu lassen und im Spiel und in der Anwendung Sprache kennenlernen zu lassen. Wenn die Kinder bereits alphabetisiert sind, sind gemeinsames Bücherlesen und vielleicht auch das Antolin-Programm gute Möglichkeiten, die Sprachkenntnisse schnell und tiefgehend auszubauen. Auch hier mehrsprachig, natürlich.

Immersion greift dieses Konzept auf. Aber warum sollte man nur in den höheren Jahrgangsstufen Geschichte auf Französisch, Biologie auf Englisch oder Sozialkunde auf Spanisch unterrichten? Ist es in den DaZ-KLassen nicht möglich, vielleicht einfach Sachunterricht auf Deutsch zu unterrichten? Das sprachliche Niveau dieser Klassen wäre natürlich ein anderes als in einer muttersprachlich deutschen Sachunterrichtsklasse, und natürlich wären Übersetzungen Teil des Konzepts.

Weiterführende Informationen
https://www.youtube.com/watch?v=vujELzwcdpQ
https://www.coursera.org/learn/bilingual
http://www.goethe.de/lhr/prj/mac/msp/de1396470.htm
https://www.bmbf.de/pub/Sprachenvielfalt.pdf

04.07.2017

 

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