Übersetzungsunternehmen Kocarek GmbH
Blog
Home » Blog

Ist frühe Mehrsprachigkeit bedenklich?

In Deutschland galt es lange als das Beste für Kinder, möglichst einsprachig aufzuwachsen. Die Kinder sollten nicht mit unterschiedlichen Sprachen verwirrt werden, es galt als schädlich für die Sprachentwicklung, wenn mehr als eine Sprache erlernt wurde.

Frühe Mehrsprachigkeit oder Zweisprachigkeit. Zwei schreibende Kinder

Natürlicher Spracherwerb bedeutete bis in die 2000er Jahre hinein, dass Kinder von Geburt an nur mit einer Sprache konfrontiert wurden, dass sie sich nach Lehrbuch entwickelten und jeweils in einem bestimmten Alter identische Fähigkeiten erworben hatten. Der Entwicklungsstand musste vergleichbar sein, und insbesondere ab den späten 1980er Jahren wurden abweichende Entwicklungen mit Logopädie und Sprachunterricht noch vor der Einschulung geahndet.

Blick in die Geschichte: Mehrsprachigkeit in historischem Kontext

Historisch gesehen ist der Mensch aber mehrsprachig. Man muss gar nicht die Gelehrten des Mittelalters heranziehen, die Geistigen, die immer zumindest grundsätzliche Kenntnisse in Latein haben mussten. Auch die ganz normalen Menschen beherrschten in der Regel mehrere Sprachen. So ist beispielsweise bekannt, dass die Landwirtschaft betreibende Dorfbevölkerung der deutschen Mittelgebirge grundsätzlich in den Wintermonaten handwerklich tätig war. Es wurden Körbe, Kleidung, Schuhwerk, Geschirr und Metallarbeiten gefertigt, die, sowie die Witterung angenehmer wurde, in Tragekörben auf dem Rücken oder anderweitig nach Norden transportiert wurden. Ohne Sprachkenntnisse ist das nicht möglich. Die Menschen waren mehrsprachig.

Archäologische Grabungen im Süden Deutschlands brachten prähistorische Grabanlagen zutage, die einen Totenkult enormen Ausmaßes in prähistorischer Zeit vermuten lassen. Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Stellung wurden gemeinsam bestattet. Ein europaweit propagierter Totenkult durch alle Bevölkerungsschichten, der in Baden-Württemberg zusammenläuft und ohne Verständigung auskommt? Unwahrscheinlich. Es kann also als sicher gelten, dass der "natürliche" Zustand des Menschen die Mehrsprachigkeit ist.

Frühe Mehrsprachigkeit wirkt sich auf die Gehirnentwicklung aus

Studien, die früh mehrsprachig aufwachsenden Kindern höhere Intelligenz nachweisen konnten, existieren. Die genauen Zusammenhänge sind noch nicht geklärt, aber man weiß, dass die Sprachentwicklung die allgemeine Entwicklung beeinflusst und umgekehrt. Entwicklungspsychologie ist immer auch Sprachentwicklung. Die Sprachentwicklung fängt bei der Entwicklung des Gehörs an. Kinder lernen bereits von Geburt an, Sprachmelodien und Intonationsmuster zu unterscheiden. Worte und Grammatik spielen zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle. Kinder sind bis zu einem Alter von etwa zehn Monaten noch in der Lage, alle Töne aller Sprachen differenziert wahrzunehmen. Ab etwa 10 Monaten verlieren sie langsam die Fähigkeit, sie nehmen in der Folge nur noch die Töne und Laute wahr, die sie täglich hören. Sie können zwei oder mehr Sprachen unterscheiden, die sie täglich hören.

In dieser frühen Phase entwickelt sich die Sprache gleichzeitig mit dem Gehirn und dessen Fähigkeiten. Es gibt Parallelen zwischen motorischen und sprachlichen Entwicklungen, und es ist noch nicht klar, welche davon zuerst kommt und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Frühe Mehrsprachigkeit hat zwar manchmal eine Verzögerung der Entwicklung der einzelnen Sprache zur Folge, kommt der Gesamtentwicklung der Kinder aber zugute. Studien haben Vorteile mehrsprachiger Kinder in der Entwicklung mathematischer Fähigkeiten belegt, mehrsprachige Kinder schneiden oft in Intelligenztests besser ab, haben ein besseres Arbeitsgedächtnis und bessere Fähigkeiten im logischen und räumlichen Denken. Da diese Art von Studien aber recht schwer durchzuführen ist und es kaum Geldgeber und Interessenten gibt, werden nur wenige davon in kleinem Maßstab durchgeführt.

Entwicklungspsychologie: Lernen Kinder Sprache schneller als Erwachsene?

Das lässt sich so pauschal gar nicht beantworten. Erst einmal lernen Kinder insgesamt schneller und scheinbar müheloser als Erwachsene. Denn Kinder lernen unstrukturiert und nur das, was für sie wirklich relevant ist. Das bedeutet, dass sie neues sprachliches Wissen eigentlich sofort mit praktischer Anwendung und mehrkanaligen Sinneseindrücken verbinden und somit sehr tief lernen. Erwachsene tun das nicht, sie lernen meist im Rahmen eines Sprachkurses. Dort wird viel thematisiert, wozu es im Alltag einfach keinen Bezug gibt. Sogenanntes tiefes und mehrkanaliges Lernen ist damit nicht möglich.

Dazu kommt, dass Kinder aufgrund ihrer Lebenssituation immer einfach erst einmal "drauflosquasseln". Sie handeln ergebnisorientiert, auch in Hinsicht der Sprache. Das "wie" ist also gar nicht so wichtig. Dementsprechend wenige Hemmungen gibt es, etwas Falsches oder Unverständliches zu sagen. Auch das hilft beim Spracherwerb. Erwachsene dagegen wollen es auch gleich richtig machen, haben Angst vor Fehlern und Blamagen. Sie lernen eher strukturiert und in Unterrichtssituationen, was sie hinsichtlich des praktischen und täglichen Sprachgebrauchs ausbremst.

Ein Sprachkurs für Kinder wäre Unfug, weil Kinder in dieser Art strukturierter Situation noch schlechter lernen als Erwachsene: Sie sind noch gar nicht in der Lage, so reflektiert und strukturiert in abstrakten Kategorien über Sprache nachzudenken wie Erwachsene. Generell lernen Erwachsene Sprache in gelenktem Unterricht, während Kinder Sprache umgelenkt erwerben. Ein Sprachkurs für Kinder, der einer Spielrunde mit fremdsprachigen Spielkameraden gleicht, kann also durchaus erfolgreich sein.

Lebenslanges Lernen auch hinsichtlich Sprachen

Natürlicher Spracherwerb ist grundsätzlich einem Sprachkurs vorzuziehen, zumindest bei Kindern und Jugendlichen. Bei Erwachsenen hängt immer sehr viel von ihren Lerngewohnheiten ab, von ihren Lernerfahrungen und Interessen sowie der zur Verfügung stehenden Zeit. Es scheint, als seien mit dem Erwerb oder Erlernen verschiedener Sprachen in jedem Lebensalter viele Vorteile verbunden. So wurde beispielsweise festgestellt, dass Menschen, die ihren Alltag mehrsprachig meistern, bis ins hohe Alter keine Anzeichen von Demenzerkrankungen zeigen. Es ist nicht so, als würden sie schlicht nicht anfällig sein für die Zerfallserscheinungen des Gehirns, insbesondere des Gedächtnisses. Scans haben gezeigt, dass auch mehrsprachige hochbetagte Menschen die typischen Plaques im Gehirn aufweisen, die bei Demenzerkrankungen auftreten. Lediglich die Symptome der Krankheiten, insbesondere die Versiertheit und der Gedächtnisverlust, blieben aus. Das Gehirn scheint durch die gelebte Mehrsprachigkeit bis ins hohe Alter plastisch zu bleiben und die Aufgaben der betroffenen Hirnregionen einfach auf andere, funktionierende Regionen zu übertragen. Und sich bedingt sogar zu regenerieren. Aber auch hier fehlen noch detaillierte Kenntnisse, die Forschung steht hier noch am Anfang.

Weitere Informationen:
https://www.psychologytoday.com/blog/life-bilingual/201606/what-is-different-in-the-bilingual-brain
https://www.theguardian.com/science/2016/aug/07/being-bilingual-good-for-brain-mental-health
http://ed.ted.com/lessons/how-speaking-multiple-languages-benefits-the-brain-mia-nacamulli
http://entwicklung-psychologie.de/sprach_entwicklung.html
http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_kasten_2014.pdf

20.07.2017

 

Kocarek GmbH | Kronprinzenstraße 5-7 | 45128 Essen | Tel.: +49 201 24 69 90-0 | Fax: +49 201 24 69 90-10 | info@kocarek-gmbh.com

Kocarek-Blog

Herzlich Willkommen auf unserem Kocarek-Blog!


Lesen Sie, was Sie bei einem Übersetzunsgauftrag beachten sollten, wie viel Technik mittlerweile im Übersetzen steckt und wie vielseitig diese Branche heutzutage ist. Nichts wie los – es gibt viel zu erfahren!

Ihr Kocarek-Team

Autoren

Unsere Autoren sind für Sie immer auf der Suche nach dem richtigen Thema und wollen Ihnen neben Neuigkeiten auch echtes Wissen vermitteln. Unsere Autoren, das sind unsere Online Redakteurin, unsere Übersetzer und unsere Projektmanager. Alle wollen ihr Know-how weitergeben, um Ihnen einen Einblick in die Welt des Übersetzens zu geben. Dabei hat jeder einen anderen Blick auf die einzelnen Vorgänge. Diese Fragen aus dem Berufsalltag versuchen sie hier in diesem Blog zu beantworten.

Hier geht es zu unseren Autoren.