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Muttersprachler oder DaZ/DaF? Warum die Muttersprache im Klassenzimmer ankommen muss

Die Anzahl der Kinder mit Migrationshintergrund ist an den deutschen Schulen in den letzten Dekaden beständig gestiegen. Vor allem seit 2015 ist man daher bemüht, Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache den Einstieg in den schulischen Alltag zu erleichtern.

Migration Kinder lernen DaF/DaZ

Der Einstieg soll über DaF/DaZ Klassenzimmer erreicht werden, die sogenannten Willkommens- oder Vorbereitungsklassen. Aber ist den Kindern wirklich geholfen, wenn sie ein bis zwei Jahre lang nur Deutsch lernen und danach in Regelschulen Deutsch- und Fachunterricht ohne Berücksichtigung ihrer Muttersprache erlernen?

Kinder erschließen sich die Welt durch ihre Muttersprache

Grundsätzlich lernen Kinder Sprache und andere Fertigkeiten parallel. Ab Geburt werden die einzelnen Areale des Gehirns, die für die Grob- und Feinmotorik, die Sinneseindrücke, aber auch die Lautwahrnehmung und -zuordnung zuständig sind, parallel aufgebaut, ausgebaut und miteinander vernetzt – somit gleichzeitig in Betrieb genommen. In dem Moment, in dem Kinder anfangen, zwischen menschchlicher Sprache (inklusive Gestik und Mimik) und Umgebungsgeräuschen zu unterscheiden, findet Sprachenlernen statt. Die täglichen Erfahrungen, die Kinder mit ihren Bezugspersonen machen, werden also sofort mit sprachlichen Erfahrungen verknüpft. Das sind während der ersten drei Jahre eher passive Kenntnisse, die die Kinder erwerben, danach wird es rasant aktiv: Die Kinder sprechen. Und im Sprechen probieren sie aus und lernen weiter.

Sprache = Denken = Verstehen

Während kleine Kinder anfangs Erlebnisse noch als Sinneseindrücke im Gedächtnis ablegen, beginnen sie irgendwann zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr, nicht mehr in Bildern, Geräuschen und Gefühlen zu denken, sondern in Sprache. Ab diesem Moment wird die Muttersprache richtig wichtig, denn Sprache definiert zu einem guten Teil, wie wir denken. Es macht nicht für den sprachlichen Ausdruck, sondern auch für das Verständnis der Welt beispielsweise einen Unterschied, ob eine Sprache zwischen Singular und Plural unterscheidet (wie die deutsche) oder es nicht tut (wie die japanische). Vokabular, grammatische Konstruktionen und auch zeitliche Abfolgen beeinflussen das Denken und Lernen, so wie umgekehrt Denken und Lernen die Sprache beeinflussen. Im Gehirn entstehen neuronale Netzwerke, die zwischen Sprache in Lautform, Bildern und Schrift sowie dem Gedächtnis mit dem gespeicherten Weltwissen aufgespannt werden.

Wenn Kinder nicht in der Muttersprache lernen

Zuwandererkinder, die die neuroyalen Strukturen ihrer bisherigen Kindheit nicht mehr nutzen können, weil sie sich in einem völlig neuen sprachlichen Umfeld wiederfinden, bauen natürlich neue neuroyale Netzwerke auf. Aber das Gehirn arbeitet, wie der gesamte menschliche Körper, energieeffizient: Die alten, nicht mehr benutzten Verbindungen werden gekappt, das verbaute Material wird recycelt. Die Kinder haben also, ganz platt ausgedrückt, irgendwann keinen Zugriff mehr auf vieles, was sie zuvor schon einmal gelernt haben.

Muttersprachler im Klassenzimmer bedeutet: Experten im Klassenzimmer

Daher ist es sinnvoll, dass auch bei Kindern, die in Willkommens- und Vorbereitungsklassen Deutsch lernen, die Muttersprache weiter gestärkt wird. Das ermöglicht den Kindern, auf vorhandenes Wissen aufzubauen, vorhandene sprachliche Strukturen weiterhin zu nutzen und das in allen nicht-sprachlichen Fächern vermittelte Wissen im besten Fall in in allen Sprachen anwenden zu können. Wie genau der Unterricht für Muttersprachler an die deutschen Grund-, Haupt- und Realschulen gebracht wird, muss noch zu entschieden werden. Noch ist offen, ob er im DaF/DaZ-Klassenzimmer thematisiert oder als zusätzliches Fach angeboten wird,  Denkbar ist auch Immersionsunterricht, dass also Zuwandererkinder ihre Zweisprachigkeit (oder Mehrsprachigkeit) mit einer oder mehreren Stunden Fachunterricht wöchentlich in ihrer Muttersprache weiter ausbauen können. Studien deuten an, dass die Kinder langfristig davon profitieren: Sie machen nicht nur in der deutschen Sprache und in anderen Unterrichtsfächern schnellere Fortschritte, sondern können zudem ihre Zweisprachigkeit bewahren. Das wirkt sich positiv auf ihr Selbstbild aus und hilft ihnen, im unterkulturellen Kontext ihre Persönlichkeit stabil zu entwickeln.

Weiterführende Literatur und Tipps im Web:

  • Colombo-Scheffold, Simona, u. a.: Ausländisch für Deutsche: Sprachen der Kinder – Sprachen im Klassenzimmer. Klett Sprachen, 2012
  • Dirim, Inci, u. a.: Mehrsprachigkeit in der Klasse: wahrnehmen – aufgreifen – fördern. Fillibach bei Klett, 2013
  • Jeuk, Stefan: Deutsch als Zweitsprache in der Schule: Grundlagen – Diagnose – Förderung. Kohlhammer, 2015
  • Krifka, Manfred, u. a.: Das mehrsprachige Klassenzimmer: Über die Muttersprachen unserer Schüler. Springer VS, 2014

https://www.goethe.de/resources/files/pdf7/pk6699092.pdfhttps://praesenzinderschule.wordpress.com/2012/10/15/praxis-der-potenzialentfaltung/
http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68545&key=standard_document_53747223
http://www.kolibri-dresden.de/index.php/projekte/152-mehrsprachigkeit-als-bruecke-und-ressource-zur-integration-in-bildung-und-beruf
http://www.schule-wirtschaft-thueringen.de/fileadmin/schulewirtschaft/redaktion/pdf/BDA_Positionspapier.pdf
http://www.sprache-werner.info/63-Wichtiger-dass-man.2737.html
https://www.futurelearn.com/courses/dyslexia/https://www.futurelearn.com/courses/understanding-language/https://www.coursera.org/learn/bilingual

04.05.2017

 

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