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Pidgin- und Kreolsprachen – Was versteht man darunter und wie sind sie entstanden?

Über die Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen gibt es Erstaunliches zu berichten. Wer hätte gedacht, dass sie auch im Kontext der deutschen Sprache identifizierbar sind?

Pidgin- und Kreolsprachen, Übersetzen

"Ey Alda, musstu Deutschkurs!"
Muss er? Vermutlich nicht. Denn das, was als Türkendeutsch – hier in der Variante Dönnerbude – gilt, ist keineswegs ein Ausdruck von Halbsprachlichkeit. Vielmehr handelt es sich um eine der modernen Kreolsprachen, die sich aus einem Soziolekt oder Ethnolekt heraus entwickeln können.

Kiezdeutsch versus Kanak Sprak

Nicht alle, die das auch als Kiezdeutsch bezeichnete Sprachungetüm bemühen, sind auch tatsächlich türkischer Abstammung. Viele tun es, um sich in einem bestimmten Umfeld, in der Peer Group oder bei passender Lokalität zu sozialisieren. Heißt: Kiezdeutsch ist einerseits ethnisch verortet (ein Ethnolekt), andererseits eine Frage des Aufenthaltsortes (Ghetto-Slang). Und es wird von Menschen gesprochen, die sehr wohl die Standardsprache beherrschen. Wie der norddeutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu beispielsweise, der selbst türkische Wurzeln hat und für sein Buch Kanak Sprak türkischstämmige Menschen der zweiten und dritten Generation zu Wort kommen lässt.

Interessanterweise gibt Zaimoglu selbst zu, die als authentische Äußerungen verkauften Berichte der jüngeren und älteren Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus in eine dem Standarddeutsch näheren Variante übersetzt zu haben. Damit sollte das auf der künstlerischen (schriftstellerischen) Freiheit beruhende Werk einer breiteren Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Aber warum muss das überhaupt übersetzt werden?

Wenn aus Pidginsprachen Kreolsprachen werden

Türkendeutsch ist eine Sprachvariante, die sich unter den türkischen Einwanderern ab den 1960er Jahren entwickelt hat. Die Grammatik der Sprache ist stark vereinfacht, das Vokabular etwas speziell und zu einem guten Teil von türkischen Begriffen beeinflusst. Es ist eine Mischung aus türkischen und deutschen Sprachelementen. Ursprünglich eine Zwischenstufe beim Sprachenlernen, hat sich die speziell unter den türkischen Gastarbeitern entwickelte Variante verfestigt, wurde innerhalb der türkischen Gemeinschaften gesprochen und als Familiensprache an die Kinder weitergegeben. Dafür zeichnet unter anderem das Bildungssystem verantwortlich: Bis heute wird mehrsprachigen Familien geraten, zu Hause mit den Kindern Deutsch zu sprechen. Damit die Integration schnell gelingt und die Sprache besser erlernt wird. Was dabei vergessen wird: Wenn Menschen mit gleicher oder ähnlicher Muttersprache nur in einem bestimmten Umfeld miteinander Deutsch sprechen, verfestigt sich schnell die Lernersprache, also die von allen geteilte Variante des Deutschen.

Kinder in diesen Familien erlernen demnach als Muttersprache ein stark von der türkischen Herkunft der Familie geprägtes Deutsch. In diesem Moment wird aus dem Pidgin eine Kreolsprache. Wenn dann als „erste Fremdsprache" Standarddeutsch in Schule oder Kindergarten gelernt wird, ist das kein Problem: Die beiden Sprachen beeinflussen sich zwar gegenseitig, aber die Standardvariante kann trotzdem erlernt werden.

Der Südstaaten-Dialekt – von der Pidginsprache zum Kreol

Eigentlich ist es nicht korrekt, vom Südstaaten-Dialekt zu sprechen. Das in Louisiana und angrenzenden Bundesstaaten gesprochene Englisch ist genau genommen eine Kreolsprache, die sich aus Pidginsprachen entwickelt hat. Hier trafen die Sklaven afrikanischer Herkunft mit ihren vielen verschiedenen Muttersprachen auf Englisch und Französisch sprechende Plantagenbesitzer. Kommunikation war nötig und erwünscht, aber nur in einem kleinen, sehr speziellen Rahmen und unter Einbezug der herrschenden Hierarchie. Die Muttersprachen der Sklaven galten wenig, wurden als minderwertig angesehen. Das erlernte Englisch und Französisch war sowohl in Wortschatz als auch in Grammatik stark begrenzt.

Allerdings gingen die aus unterschiedlichen Ländern stammenden Menschen untereinander Beziehungen ein – das Pidgin wurde zur Familiensprache, die die Kinder aus den Familien innerhalb einer Plantage als Muttersprache erlernten. In diesem Moment war der Übergang zur Kreolsprache geschafft. Die Pidginsprache erhielt im täglichen Gebrauch und aus der Notwendigkeit einer umfassenden Kommunikation in verschiedenen Lebenslagen heraus eine komplexere Grammatik. Sie wurde als eigene Sprache gepflegt. Viele Begriffe der Südstaaten, die es nur hier gibt, können auf diese Ursprünge zurückgeführt werden. Und es handelt sich dabei keineswegs um eine einzige Kreolsprache. Unterschieden werden muss zwischen verschiedenen Varianten, die auch auf den karibischen Inseln gesprochen werden.

Business-Englisch – eine Pidginsprache?

Und wie ist das nun mit dem Business-Englisch? Heutzutage gehört es in der Wirtschaft einfach dazu, dass man Englisch spricht. Allerdings ist das oft genug keine umfassende Sprachkompetenz, die alle Register (Themen) innerhalb einer Sprache umfasst, sondern sich oft auf den rein beruflichen Bereich beschränkt. Das trifft die Pidgin Definition. Und nicht nur bei Englisch ist das der Fall. In vielen Ländern wird, historisch bedingt, Handel auf Französisch betrieben. Vietnamesisches Pidgin Französisch hat hier seinen Ursprung.

Pidgin Definition sinnvoll?

Sinn und Unsinn von Sprachforschung kann natürlich immer angezweifelt werden. Zuerst einmal geht es bei der Anerkennung einer Sprache als Pidginsprache oder Kreolsprache darum, die Sprache irgendwie systematisch zu erfassen. Die Diskussion darum tut aber noch etwas: Sie enthebt die Sprechenden der Verantwortung, „endlich mal richtig Deutsch zu lernen". Denn die meisten können es ohnehin, wählen aber sehr bewusst zwischen den situationsangemessenen Sprachen aus. Ungefähr so wie man sich seinem Besten Kumpel gegenüber auch anders artikuliert als vor dem Chef. Was wiederum in das Gebiet der Soziolekte fällt.

Weiterführende Informationen:

http://www.sprachschach.de/ghetto-slang/
https://de.wikipedia.org/wiki/Chinook_Wawa
https://de.wikipedia.org/wiki/Lingua_franca
https://de.wikipedia.org/wiki/Kanak_Sprak
https://de.wikipedia.org/wiki/Soziolinguistik
https://www.christianlehmann.eu/ling/wandel/index.html?https://www.christianlehmann.eu/ling/wandel/pidgin_kreol.html
Feridun Zaimoglu: Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft (1995, Rotbuch Verlag)
Bernard Spolsky: Sociolinguistics (1998, Oxford University Press)
Jan Blommaert: The Sociolinguistics of Globalization (2010, Cambridge University Press)

10.10.2017

 

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