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Wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen. Wie gelingt Mehrsprachigkeit in bilingualen Familien?

Es galt lange Zeit als normal, dass Menschen nur eine Sprache sprechen. Zumindest in Deutschland war und ist es üblich, Kindern Überforderung zu attestieren, wenn sie von klein auf mit mehr als nur einer Sprache konfrontiert werden. Warum eigentlich?

Mehrsprachige Kinder, Mehrsprachigkeit in bilingualen Familien

In den meisten Teilen der Welt war und ist Mehrsprachigkeit bis heute völlig normal. Kinder wachsen von Haus aus bilingual auf, oft sogar multilingual. Eltern sind bereits bilingual, die Amtssprache ist noch einmal eine andere, und was in der Schule unterrichtet wird, kommt dazu.

Überfordert Mehrsprachigkeit Kinder tatsächlich?

Ganz klar: Nein. Kinder, die mit mehreren Sprachen gleichzeitig aufwachsen, erlernen diese zwar manchmal etwas zeitverzögert. Aber da die Sprachentwicklung wie jede andere Entwicklung im Kindesalter auch sehr individuell ist, lässt sich nicht einmal das mit Sicherheit feststellen. Allerdings gibt es ein paar Dinge, die mehrsprachig aufwachsende Kinder beim natürlichen Erwerb mehrerer Sprachen unterstützen.

  • Zuerst einmal ist wichtig, dass die Sprachen positiv besetzt sind. Kein Kind wird sich in einer Sprache ausdrücken oder sie erwerben wollen, wenn es nur negative Emotionen damit verbindet.
  • Die Eltern sollten unbedingt darauf achten, dass sie ihre eigene Muttersprache dem Kind gegenüber verwenden. Die Muttersprache ist in diesem Fall nicht zwangsläufig die Sprache, die man tatsächlich wörtlich von der Mutter mitbekommen hat, sondern die Sprache, in der man sich am wohlsten fühlt.
  • Sprache muss von hoher Qualität und authentisch sein, sonst nehmen die Kinder die Sprache vermutlich nicht an.
  • Vorteilhaft ist, wenn Kinder für jede Bezugsperson eine feste Sprache haben, in der sie kommunizieren können, und die Sprachen nicht ständig gemischt werden.

Ganz konkret: Was bedeutet Mehrsprachigkeit im Alltag von Kindern und Eltern

Es ist also durchaus möglich, dass ein in Deutschland aufwachsendes Kind mit der Mutter Italienisch und mit dem Vater Japanisch spricht, während die Eltern untereinander Englisch reden. Das Kind wird sowohl in der italienischen, als auch in der japanischen Sprache flüssig sprechen lernen. Ab der Kindergartenzeit wird es ganz natürlich die deutsche Sprache erlernen und Englisch durch den täglichen Kontakt im Elternhaus soweit erwerben, dass es fast alles versteht. Ob es jemals anfängt, mit den Eltern Englisch zu sprechen, ist dagegen nicht sicher.

Verzögerungen in der Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit?

Allerdings kann sich die Sprachentwicklung eines in diesem Umfeld aufwachsenden Kindes durchaus verzögern. Während Italienisch und Japanisch noch zeitgleich und dementsprechend parallel und flink erworben werden, ist das Kind in der deutschen Sprache etwas langsamer: Denn es hat ja erst ab dem Kindergarteneintritt wirklich Kontakt mit der Sprache. Typischerweise wird das mehrsprachige Kind in den ersten Tagen nur beobachten und zuhören, nicht viel selbst sagen, und erst nach und nach die normalen Sprachentwicklungsstufen beim natürlichen Spracherwerb durchlaufen. Aus den einzelnen nachgeplapperten Wörtern und Phrasen werden erst Zweiwort- und Dreiwortsätze, dann kurze komplexere Satzstrukturen und irgendwann flüssige Erzählungen.

Einige Besonderheiten in der Aussprache können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Und natürlich wird es unter Umständen sehr, sehr lange dauern, bis alle Artikel immer richtig sind, die unregelmäßige Pluralbildung im Deutschen beherrscht wird und immer die korrekte Zeitstufe gewählt wird. Dieser Lernprozess braucht genauso lange wie bei einsprachig deutsch aufwachsenden Kindern und ist bei einem Kind, das mit drei Jahren erst mit der deutschen Sprache in Kontakt kommt, entsprechend um wenigstens diese drei Jahre verzögert.

Umgang mit Interferenzen

Interferenzen wird es sicherlich geben. Jede Sprache hat ihre eigenen Regeln, was Grammatik, Wortbildung, Satzbildung, Strukturen anbelangt. Während der Mond im deutschen Sprachgebrauch männlich ist, ist er im Englischen und in vielen anderen Sprachen weiblich. Dagegen ist die im Deutschen weibliche Sonne in anderen Sprachen männlich. Ob es für Nomen ein Geschlecht gibt, zwei, drei oder gar vier, hängt auch von der Sprache ab.

Bei mehrsprachigen Menschen beeinflussen sich alle erworbenen oder erlernten Sprachen ab einem gewissen Grad der Präsenz im Alltag gegenseitig. Das ist völlig normal und kann bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern tatsächlich zu seltsamen sprachlichen Konstruktionen führen. Wenn das im obigen Beispiel genannte Kind mit vier Jahren irgendwann beim Abholen aus dem Kindergarten mit "la mamma in den kouen gehen will, mit den tomodachi von dem Kindergarten spielen", dann hat es den deutschen Satzbau schon sehr gut verinnerlicht und füllt die Lücken, an denen einzelne Wörter fehlen, einfach mit Vokabular aus den anderen verfügbaren Sprachen aus. Zu Deutsch: Das Kind will mit der Mama in den Park gehen, um dort mit den Freunden aus dem Kindergarten zu spielen. Alles im grünen Bereich.

Schwache Sprache, starke Sprache, halbsprachig

Früher waren Äußerungen wie die eben genannte der Grund dafür, Eltern von einer mehrsprachigen Familie abzuraten. Kinder könnten die Sprachen nicht auseinanderhalten, würden alles vermischen und könnten sich in keiner Sprache wirklich gut ausdrücken, hieß es. Das Stichwort war "halbsprachig". Heute weiß man, dass das Vermischen der Sprachen auch bei sehr gut ausgebildeten polyglotten Menschen mit extrem hoher Sprachkompetenz völlig normal ist und mit Überforderung gar nichts zu tun hat. Es ist einfach ein kreativer Umgang mit Sprache. Trotzdem werden Kinder immer eine Sprache stärker als die anderen entwickeln. Meist (nicht immer) ist das die Sprache des am meisten betreuenden Elternteils oder der Umgebung. Das ist völlig natürlich und wertet die anderen Sprachen keineswegs ab. Wie man ein Kind dazu bringt, auch mehrsprachig Literacy zu entwickeln, ist wieder eine andere Frage, und die soll an anderer Stelle geklärt werden.


Weiterführende Informationen:
https://www.bielefelder-institut.de/fruehkindliche-zweisprachigkeit.html
https://www.dgs-ev.de/fileadmin/bilder/dgs/pdf-dateien/broschuere_12.pdf
http://www.betrifftkinder.eu/zeitschrift/kinder-in-europa/ke-1207/420-mehrsprachige-kinder-in-einsprachigen-kindergaerten.html
https://www.dbl-ev.de/kommunikation-sprache-sprechen-stimme-schlucken/foerderung-der-sprachentwicklung/sprachfoerderung-beim-spracherwerb/wie-unterstuetzen-eltern-den-spracherwerb-ihrer-kinder-bei-mehrsprachigkeit.html

20.06.2017

 

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