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11.06.2015

Junge Dorfgebärdensprachen und der Ursprung der Sprache

In mindestens 13 Gegenden auf der Welt gibt es Dorfgebärdensprachen. Sie sind entstanden, weil taube Menschen ihre eigene Sprache entwickelt haben. Die häufig auftretende Taubheit ist die Folge eines Gendefekts.

Daumen hoch

Eine dieser Sprachinseln ist das Beduinendorf Al-Sayyid in der Negevwüste Israels. 150 der 4000 Einwohner sind taub, die ältesten davon wurden in den 1920ern und 30ern geboren. Die Dorfgebärdensprache der hörgeschädigten Einwohner, die "Al-Sayidd Bedouin Sign Language" (ABSL), ist noch keine hundert Jahre alt. Das ist extrem jung für eine Sprache und daher besonders interessant für Sprachforscher wie Wendy Sandler von der Universität Haifa. Sie erklärt, dass eine so junge Sprache noch rein sei und somit die Grundzutaten einer Sprache im Anfangsstadium preisgeben könne. Dorfgebärdensprachen enthalten also das Grundrezept, die minimale Basis, die notwendig ist, damit eine Sprache entstehen kann.

Körpergrammatik

Sandler hat bei ihren Untersuchungen die Gebärdensprache ABSL verschiedener Generationen verglichen. Dabei hat sie interessante Beobachtungen gemacht:

·         Erste Generation: Die Menschen benutzen ihre Hände, um zu kommunizieren.

·         Zweite Generation: Die Menschen benutzen zusätzlich Kopfbewegungen, die beispielsweise das Zusammengehören mehrerer Wörter andeuten.

·         Dritte Generation: Zu Gestik und Kopfbewegungen kommt die Mimik. Der Gesichtsausdruck hat bei ABSL ungefähr dieselbe Funktion wie der Tonfall bei gesprochenen Sprachen: Hauptsätze werden mit Nebensätzen verbunden, Fragen von Aussagen unterschieden.

·         Vierte Generation: Der gesamte Oberkörper wird in die Gebärdensprache eingebunden.

Auf diese Weise entsteht nach und nach eine Sprache, die den gesamten Körper einbindet, eine "Grammatik des Körpers", so Sandler.

Allmähliche Arbitrarität

Arbitrarität ist in der Sprachenwissenschaft die Bezeichnung für die willkürliche Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden. Mit anderen Worten: Das Wort "Ei" ist dem Konzept "von einer Schale umschlossenes, die Eizelle und meist Dotter und Eiweiß enthaltendes kugeliges, oft länglich ovales Gebilde" zufällig zugeordnet. Die Buchstabenfolge E-i allein sagt nichts über die eigentliche Bedeutung des Wortes aus. Die allgemeinen Konventionen einer Sprechgemeinschaft sorgen dafür, dass bestimmte Ausdrücke mit bestimmten Inhalten verbunden werden und bleiben.

Umso interessanter sind die Entwicklungen in ABSL: Das Ei wird hier traditionell durch die Verbindung zweier Handbewegungen dargestellt. Die erste stellt das Huhn dar (mit pickendem Zeigefinger und der nach unten gedrehten Handfläche), die zweite das Ei (mit nach oben gedrehter Handfläche, Daumen, Mittel- und Zeigefinger ein gedachtes Ei haltend). In einer der Familien ist das Zeichen vereinfacht worden. Die Handbewegung beginnt bereits mit dem Ei: In beiden Gesten werden Daumen, Zeige- und Mittelfinger verwendet.

Nähme man die Zeichen jetzt auseinander, würden sie keinen Sinn mehr ergeben. Drei pickende Finger stellen kein Huhn mehr da. Die Zeichen lösen sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung und können dann auch für andere Wörter verwendet werden – genauso wie ein und derselbe Buchstabe in der gesprochenen Sprache in verschiedensten Wörtern auftauchen kann.

Hier geht es zum interessanten vierteiligen Bericht "Das verbotene Experiment" der Süddeutsche Zeitung.

 

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