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25.04.2017

Spracherwerb ohne Schrifterwerb – sinnvoll oder nicht? Wie wird Sprache eigentlich gelernt? Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache (DaF) oder Deutsch als Zweitsprache (DaZ) begegnen den Herausforderungen.

Seit die Krise 2015 ausgerufen wurde, boomt in Deutschland das Geschäft mit Sprachunterricht. Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern sollen in Sprach-, Alphabetisierungs- und Integrationskursen möglichst schnell Deutsch lernen, um im Alltag zurecht zu kommen und sich in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Ehrenamtliche Helfende unterstützen zusätzlich zu den Sprachkursen.

Kinder lernen Sprachen in der Schule, Spracherwerb und Schrifterwerb

Extrem heterogene Lerngruppen

Dabei treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander: Manche haben noch nie irgendeine Art von Schule besucht, andere konnten bereits in ihrer Heimat lesen und schreiben lernen, aber in einem ganz anderen Schriftsystem als dem Alphabet. Wieder andere beherrschen das Alphabet bereits und haben auch Erfahrung im Erlernen einer anderen Sprache. Die Lehrkräfte für DaF/DaZ stehen nun vor dem Problem, alle diese Menschen unter Umständen in einer einzigen Klasse zu unterrichten, ohne dass es eine gemeinsame Sprache gäbe.

Sprachlehr- und -lernmaterialien passen nicht für alle Lernenden

Wer sich die einzelnen Materialien zum Sprache lernen mal genauer ansieht, merkt sofort, dass es eigentlich gar nicht ohne Schrift geht. Grammatikübungen, Wörterbücher, sogar Bildwörterbücher und Selbststudienkurse, die computerbasiert sind, kommen nicht ohne Schrift aus. Warum eigentlich? Immerhin sollte man meinen, dass erstens deutsche Kinder ihre ersten sechs Lebensjahre auch ganz hervorragend ohne Schrift Deutsch lernen und dass zweitens vor allem der Computer geradezu prädestiniert erscheint, Sprache in anderen Formen als Schrift zu vermitteln.

Kinder lernen Sprechen, Erwachsene lernen Übersetzen

Bevor jetzt Sinn und Unsinn der bestehenden Kurse, der Lehrmaterialien und der Ausbildung der Lehrkräfte für DaF/DaZ diskutiert werden kann, sollte klar werden, wie Sprache überhaupt gelernt wird.

Kinder erschließen sich die Welt aus ihrer natürlichen Neugier heraus. Wer selbst Kinder hat oder die Kommunikation zwischen Klein- und Kindergartenkindern und deren Eltern beobachten kann, stellt fest: Kind zeigt auf etwas, grunzt, Erwachsener sagt ein Wort, Kind wiederholt das Wort mehr oder weniger perfekt, Problem gelöst. Bis ein Wort wirklich verstanden wird, muss ein Kind es etwa 50 bis 80mal in einer anschaulichen Situation gehört haben. Nach weiteren 50 bis 80 Wiederholungen ist das Kind in der Lage, das Wort auch spontan im passenden Zusammenhang selbst zu produzieren. Ob die Aussprache dann schon korrekt und deutlich ist, steht wieder auf einem anderen Blatt. Schrift spielt überhaupt keine Rolle bei diesem Prozess. Kinder lernen anfangs sehr schnell neue Wörter, konzentrieren sich aber in den ersten beiden Lebensjahren fast komplett auf das Zuhören und Verstehen. Das Sprechen spielt im dritten bis etwa sechszehnten Lebensjahr eine Rolle, wobei phasenweise immer wieder neues Vokabular im Vordergrund steht, phasenweise eher an der Grammatik gefeilt wird. Das meiste davon passiert völlig unbewusst. Das ist natürlich stark vereinfacht ausgedrückt, der Lernprozess ist in sich komplexer und es gibt verschiedene Theorien dazu.

Erwachsene ahmen weniger nach, sondern benötigen möglichst rationale Erklärungen und wollen über Sprache reflektieren. Sie sprechen selten Sätze einfach nach, um sie sich anzueignen. Und vor allem sind ihnen falsche Äußerungen, die Kinder gar nicht kratzt, furchtbar peinlich. Letzteres hindert den Spracherwerb, während die hohe Reflektionsfähigkeit und die Fähigkeit zum Vergleich mit bereits erlernten Sprachen die Lerngeschwindigkeit eher positiv beeinflusst. Im Mittelpunkt der Sprachlehr- und -lernmaterialien steht daher in der Regel der Vergleich mit Sprachen, die bereits beherrscht werden. Erwachsene lernen eine Fremd- oder Zweitsprache in der Regel durch Übersetzen. Auch wenn die sogenannte Grammatik-Übersetzungs-Methode inzwischen aus der Mode gekommen ist, gehen viele Sprachkurse immer noch davon aus, dass eine Sprache durch eine andere Sprache gelernt wird, und zwar (leider) meist schriftlich.

Es sei denn ...

Die Alphabetisierungsrate ist nicht nur unter Migranten hoch, sondern auch unter Deutschen gibt es eine Dunkelziffer, die immer wieder für Staunen sorgt. Es scheint also durchaus möglich zu sein, sich auch ohne Schriftsprache im Alltag durch zu schlagen. Hier setzen Lernprogramme an, die nur mit Audio- und Bildmaterial arbeiten. Inzwischen gibt es einige Computerprogramme, die da ansetzen, allen voran scheint Rosetta Stone ganz brauchbar zu sein. Selbst Kinder, die noch nicht alphabetisiert sind, können mit diesem Programm intuitiv umgehen, obwohl es für alphabetisierte Erwachsene konzipiert wurde.

Wird die Schrift überhaupt benötigt?

Es gibt natürlich kein Patentrezept, wie Sprachunterricht für Migranten am besten gestaltet werden sollte. Aber es hilft sicherlich, wenn überlegt wird, wozu Migranten Deutsch lernen sollten. Wer sich nur im Alltag hier zurechtfinden will, begrenzte Zeit bleibt und dann weiterreist oder zurück in die Heimat geht, wird mit Grundkenntnissen auskommen. Wer in den Arbeitsmarkt integriert werden soll, kann mit der Schriftsprache und höheren Niveaus der Sprachbeherrschung sicherlich schon mehr anfangen. Aber wirklich von Anfang auf hohem Niveau unterrichtet werden können eigentlich nur Menschen, die eine entsprechende Vorbildung sprachlicher Art mitbringen. Wer bereits eine Fremdsprache erlernt hat, mit oder ohne dazu gehöriger Schrift, tut sich leichter und wird auch bereits Strategien besitzen, sich die Schriftsprache zu erschließen.

In einer anderen Situation sind Kinder. Sie müssen in der Schule integriert werden und kommen um die Schrift nicht herum. Denn Bildung wird in Deutschland traditionell per Schrift und Text vermittelt, nicht einmal ein Mathebuch kommt heutzutage ohne schriftliche Aufgabenstellungen aus. Auch hier: Sinn oder Unsinn sei dahingestellt. Es geht wohl einfach nicht ohne, sowie man einmal sieben Jahre alt geworden ist ...

Weiterführende Informationen zum Thema:

www.sprachfoerderung.info/spracherwerb.htm
www.zweisprachigkeit.net
www.coursera.org/learn/bilingual
www.linguisticsociety.org/resource/faq-how-do-we-learn-language
www.britishcouncil.org/voices-magazine/can-we-learn-second-language-we-learned-our-first

 

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