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08.12.2015

Was Krieg mit Sprache macht: Schrammen und potenziell gefährliche Superlative

Wenn das eigene Land im Krieg zerrissen wird, wirkt sich das mitunter auch auf die Sprache aus. In ihren Gedichten verwendet die ukrainische Dichterin Liubow Jakymchuk eine fragmentierte, zerrissene Sprache. Sie möchte der politischen Propaganda etwas entgegensetzen. Auch in Deutschland sind zahlreiche Bücher zum Thema Politik und Sprache erschienen, darunter Victor Klemperers "LTI".

Sprache des Krieges

Einst Heimat, jetzt ATO

Jakymchuk wuchs in Donbass in einer russischsprachigen Umgebung und Familie auf. Sie ging auf eine Schule, in der Russisch gesprochen wurde. Inzwischen ist ihre Heimat verloren: Donbass ist Zone der ATO, "Anti-Terror-Organisation": Keine Heimat mehr, sondern ein Kriegsgebiet.

Zunächst sei es Jakymchuk wichtig gewesen, mit Worten darzustellen, was in dieser Heimat geschieht. "Es ist eine Welt, die in Stücke fällt. Auch die ukrainische Sprache hat sich verändert: Es erscheinen neue Worte, neue Inhalte in alten Worten, es gibt Manipulation mit Worten, und zwar auf staatlicher Ebene", erklärte sie Deutschlandradio Kultur zufolge kürzlich in einer Diskussionsrunde ukrainischer Literaten. Sie als Lyrikerin müsse es schaffen, in Worte zu fassen, was mit den Menschen geschieht – damit keiner der Manipulation erliege.

"Schramm" – "Marsch"

Wenn Jakymchuk Gedichte über den Krieg schreibt, dann setzt sie ihn nicht in Verse: Der Krieg zersetzt die Verse. Ein Beispiel hierfür ist das Wort "schramm", abgeleitet von "Schramme". "Schramm", rückwärts: "Marsch".

Sprache des Hasses

Jakymchuks Kollegin Marianna Kijanowska beschreibt in der Diskussionsrunde, wie sie die Veränderung der Sprache wahrnimmt: "Mich erschreckt, dass in der Ukraine nicht die Sprache des Krieges entsteht, sondern die des Hasses. Sie scheint nicht gefährlich zu sein, aber in Wirklichkeit vernichtet sie alles, auch die Zukunft."

Kijanowska kommt aus dem westukrainischen Galizien. Sie war bereits mehrere Male in der Zone der ATO, um ihre Gedichte unter die Menschen zu bringen. Sie sei erstaunt darüber gewesen, wie wichtig ihre "Textnahrung" für die Menschen ist: "Ich bemühte mich, Gedichte über die Liebe zu lesen, über das Leben, über metaphysische Dinge, über Gott. Sehr viele Zuhörer haben geweint. [...] Sie haben meine Gedichte wie Lieder rezipiert, rein gefühlsmäßig."

Der gefährliche Superlativ

Kijanowska nennt auch ein deutsches Buch: Victor Klemperers "Die Sprache des Dritten Reichs", das inzwischen "LTI" heißt: "Lingua Tertii Imperii" – die lateinische Übersetzung des Titels. Klemperer zeigt mit seinem Buch, welche Worte im Dritten Reich entstanden sind, welche eine andere Bedeutung hatten, aber auch, welche grammatikalischen Eigenheiten gefährlich sein können. So warnt Klemperer vor dem Superlativ: "überall führt anhaltendes Übertreiben zwangsläufig zu immer weiterem Verstärken des Übertreibens, und die Abstumpfung und die Skepsis und die schließliche Ungläubigkeit können nicht ausbleiben." Auch heutzutage ist der Superlativ umstritten. Das zeigt zum Beispiel Bastian Sicks Artikel "Brutalstmöglichst gesteigerter Superlativissimus".

Mehr über "LTI" erfahren Sie hier. Lesen Sie zum Thema Ukraine auch den News-Artikel der Kocarek GmbH "Krise in der Ukraine: Auch ein Konflikt der Sprachen?".

 

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