Übersetzungsunternehmen Kocarek GmbH
Facebook LinkedIn GooglePlus Besuchen Sie uns auf Twitter YouTube

+49 201 24 69 90-0 | info@kocarek-gmbh.com

Übersetzungsunternehmen Kocarek GmbH
Home » News
01.12.2015

Wer hat das kleine e geklaut und wer hat es zurückgebracht?

Am Sonntag war der erste Advent, die Weihnachtszeit hat angefangen. Adventslieder erklingen überall. Doch warum singen wir "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" und nicht "Macht hoch die Türen, die Tore macht weit"? Der Dudenkorrektor möchte schon mahnend dazwischengreifen: "Bitte überprüfen Sie, ob diese Wörter bezüglich Kasus, Numerus und Genus übereinstimmen!" Wir können ihn beruhigen. Das zwischenzeitlich abhandengekommene e kehrt zurück.

Martin Luther

1300-1600: Ade, e!

Der Trend beginnt in Süddeutschland: Dort verschwindet das unbetonte e am Wortende allmählich. Das gilt vor allem für Pluralformen. Prof. Dr. Werner Besch, Sprachhistoriker und Autor des Buches "Luther und die deutsche Sprache", erklärt, dass das Plural-e im Schwäbischen, Ostschwäbischen und Mittelbairischen bereits um 1350-1400 "weitgehend durchgeführt" sei. Zu dieser Zeit existiert auch schon eine Schriftsprache auf der Grundlage dieser oberdeutschen, prestigereichen Dialekte. Das sogenannte "gemeine Deutsch" war sogar überregional.

E-Apokope

Sprachwissenschaftler nennen das abhandengekommene e "e-Apokope". Das klingt doch gleich viel eleganter als das mysteriös verschwundene e, das man mit Diebstahl oder übernatürlichen Kräften in Verbindung bringen möchte. Neben Pluralendungen tritt die e-Apokope zwischen 1300 und 1600 auch bei Substantiven in der Einzahl auf: die Lieb, der Glaub.

Sprachliche Fossilien

Von 1450 bis 1600 verschwindet das e auch in den nördlicheren Dialekten mehr und mehr: Das getilgte e ist nun, was seine Ausbreitung angeht, auf dem Höhepunkt. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" ist ein Abbild dieses damaligen Plural-e-Tilgungstrends. Das Adventslied ist gewissermaßen ein sprachliches Fossil. Diese Fossilien gibt es übrigens zuhauf im Englischen: Längst sind die Endungs-es in Wörtern wie "some" und "have" verstummt. Hier ist die konservative Schreibweise ein Fossil aus jener Zeit, in der es noch keine e-Apokope gab.

Ab 1650: Luther ­– Rückschritt im Fortschritt

Dann kam Martin Luther. Er übersetzte die Bibel auf der Grundlage des meißnerischen Obersächsisch. Dieser Dialekt war damals neben Thüringisch der einzige, der nicht der verführerischen Versuchung der e-Apokope erlegen war. Luthers fortschrittlicher Gedankengang, die Bibel dem gemeinen Volk zugänglich zu machen, war also begleitet von einer rückschrittlichen Sprache, die eine veraltete, sprachliche Tradition wieder aufgriff. Diese Tradition verbreitete sich erst nach der Reformationszeit wieder, der Trend dazu stellte sich aber bereits gegen Ende der Reformation ein.

Und unser Adventslied? Es entstand 1623 in Ostpreußen, am äußersten Rand des deutschen Sprachraums. Bis hierher war der neue, alte Sprachtrend des bestehenden Endungs-es noch nicht durchgedrungen: Verfasser Georg Weißel, übrigens ein evangelischer Pfarrer, entnahm seine Worte dem 24. Psalm, in dem Luther bereits geschrieben hatte: "Machet die Thore weit und die Thüre in der Welt hoch."

Die Kocarek GmbH wünscht Ihnen eine besinnliche Adventszeit!

 

Kocarek GmbH | Kronprinzenstraße 5-7 | 45128 Essen | Tel.: +49 201 24 69 90-0 | Fax: +49 201 24 69 90-10 | info@kocarek-gmbh.com